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23.06.2018 14:43:07


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Die Nixe des Hüttnerseeleins (Sage 2)

 

Im Dörflein Hütten, das hoch ob dem Zürichsee, nahe bei einem Hügelseelein liegt, lebte einst ein Jüngling. Er hatte ein so schönes Angesicht, dass weit und breit herum weder die kleinsten Mägdlein noch die ältesten Grossmütter hätten sagen können, ob er barfuss oder in Schuhen mit goldenen Nesteln herumgehe, denn sie mussten nur immer seine blauen Augen anschauen.
Wo er auf einer Kirchweih erschien, beschauten ihn die hübschen Mädchen mit so grossem Wohlgefallen, dass er bald merkte, wie gern sie immer mit ihm allein getanzt hätten, und wie glücklich eine jede von ihnen wäre, ihn zum Lebensgefährten zu haben. Er tanzte, kalt lächelnd, bald mit dieser, bald mit jener, bevorzugte keine, woraus die Mädchen schlossen, dass er trotz seiner leuchtenden Augen und seiner goldenen Lock kein Herz habe.
Sie konnten aber nicht wissen, dass ihm fast allnächtlich die Nixe des nahen Hüttnerseeleins im Traum erschien, und dass er alsdann tagsüber immer ihr Bild vor Augen hatte; denn sie war noch schöner als sich ein eitles Mägdlein im Spiegel sieht, und das will etwas heissen. Nach und nach verliebte er sich so sehr in die geheimnisvolle Wasserjungfer, dass er tags wie ein Traumwandler herumging und keinen Menschen mehr ansehen mochte. Die halbe Zeit des Tages, und auch oft in hellen Mondnächten, fuhr er in einem Einbaum, den er sich aus einem Eichstamm zum Schifflein gezimmert hatte, auf dem kleinen See herum und starrte in die stillen Wasser. Zuweilen meint er auch ein weisses Angesicht zu sehen, aber wie er allemal genauer hinschaute, war’s der Widerschein der Sonne oder des Mondes im Nebel. Da wollte er dann jedes Mal fast verzweifeln. Umsonst rief er die Nixe mit vielen Seufzern an. Sie wollte sich ihm nicht zeigen, und nur in seinen Träumen erschien sie ihm immer wieder.
Eines Abend aber, als er wieder ganz schwermütig in seinem Einbaum auf dem See herumtrieb, der in der Abendsonne wie ein goldener Schild glänzte, nahm er die Wasserrose, die er sich unten am Zürichsee geholt hatte, von seiner Brust und warf sie mit heissen Liebesschwüren ins Wasser. Da war ein wunderliches, noch nie gehörtes Glucksen, Schnalzen und Quirlen im See, und jetzt meinte er, eine schneeweisse Hand aus der Tiefe herauf nach der Seerose greifen zu sehen. Oder sollte es ein silberschuppiges Fischlein sein? Nein, nun sah er es deutlich. Wie eine lichte Muschel mit rosarotem Herzen öffnete sich mit einem Male eine Hand an der Oberfläche des Seeleins, und nun lag drin die weisse Wasserblume. Wie verhext staunte der Jungknabe auf die Hand und schier entsetzt fuhr er zusammen, als aus der stillen Flut unversehens ein wunderschönes Mägdlein auftauchte, das ihn noch süsser anlächelte als ein Weinberg voll reifer Trauben ein armes Büblein. Also hatte er nun die Nixe des Sees vor sich, aber noch hundertmal schöner als sie ihm im Traume zu erscheinen pflegte. Von ihren Schultern aber floss ein fast durchsichtiges Gewand. Es war noch viel feiner als ein Buchenbäumlein mit übernächtlich frischem Laub, durch das die Sonne scheint. Und jetzt tat die Wasserjungfer die Arme weit auf und rief mit einer Stimme, die dem Burschen ins Ohr ging, wie dem angehenden Jüngferlein eine ferne Kirchweihmusik: „Komm herab zur Braut in die Tiefe!“
Da übernahm es ihn. Er schrie auf vor Seeligkeit wie ein Kind, vor dem man plötzlich die Türe zum strahlenden Weihnachtsbaum aufreisst. Er glitt aus dem Schifflein in die Arme der Nixe, und verschwunden waren beide in der Tiefe des Sees, nur ein paar ringe triebe, immer grösser werdend, uferwärts. Wohl suchte man im See, als man das leere Fahrzeug am Morgen fand, aber alles blieb umsonst, der schöne Jüngling wurde nie wieder gesehen.
Wie machten aber die Hüttner Augen, als kurze Zeit danach ihr blaues Seelein überdeckt war von den blendend weissen Becherchen der Wasserrosen auf einmal so überreich emporblühten. Nur einige, die tiefer sahen, machten wissende Augen und sagten es, wo man’s hören wollte, dass sie diese wundervollen Wasserblumen aus dem Garten des Nixenschlosses hätten heraufwachsen sehen. Ja, einige Mägdlein, die beim Zunachten ein absonderlich feines Gehör bekamen, wollten schon an ruhigen Mondscheinabenden im Schilf des Sees ein geheimnisvolles Liebesflüstern vernommen haben.

Diese letzte Erzählung soll nach Dr. Walter Höhn von einem anfangs der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Hütten in den Ferien weilenden Kurgast stammen und dürfte eine dichterische Erfindung sein.

letzte Nachführung: Juli 2006

Seerose
 

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