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25.09.2018 04:01:50


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Die Sage vom Hüttnersee (Sage 3)

 

Um alles Ungewöhnliche, Wunderbare, dass die Natur eines Erdenflecks den menschlichen Sinnen darbietet, breitet sich von jeher ein Schleier von Geheimnis und Sage. Aus dem dunkelgrünen Grund des kleinen entlegenen Bergsee steigt sie empor, nebelt über dem regungslosen Spiegel, sammelt sich um die Ufer und Buchten, flüstert im gelben, mannshohen Schilf und quirlt in wachsenden, unruhigen Blasen aus dem schwerduftenden Moorteppich auf. Im leichten, zarten Filigrangezweige leichter Birkenkrone lächelt sie rührend und lehnt dämmrig, ernst im Gesträuch der Erlen. So wie Kinder an Märchen glauben, so lauschen die Anwohner rings um das Wasser seit Jahrhunderten den Stimmen der Nähe, tagsüber und noch mehr des Nachts. Sie leben in einer eigentümlichen starken Verbundenheit mit Bäumen, Tieren, mit Formen und Farben und all dem immer tiefer eingeprägten Erscheinungen der herznahen Heimat.
Wenn sie im Spätsommer den sonnensatten, rauschenden Schilf niedermähen, blicken sie dann und wann aufatmend zu den Ufern rüber, wandern dem Spiegel der Schatten im See drin nach, verlieren sich an den Wellen der Hänge ringsum, und darüber steigen die weissen Wolken auf, wachsen aus den Hügelsilhouetten im Gewässer silbern zu tief hinab. Werk gebräunte, braune Hände türmen die dürre Streue am flachen Moos zu hohen Tristen auf und häufen sie in alten zerfallenen Holzschobern an. Über dem Seelein kost eine Bise, es kräuselt sich der klare Spiegel und kleine Wellen leuten den Ufern nach. Dann kommen Morgen, wo die Nebel fein aus dem Feuchten aufsteigt, sich wie Dunsthauch über die Ebene lagern und sich an Hügelrändern emporwiegen. Im Lichte des Mittags zerfliessen sie, und der grüne Kranz der Hänge leuchtet mild und glückhaft vertraut. Zwischen den Pfählen eines Schifferhäuschens strafft ein roter Kahn die Kette, und Wellen lecken glucksend um die Wände. Da blickt wohl aus abgründig tiefen, kühlen Augen, zwischen weissen und gelben Seerosen heraus die Sage, lässt Wasserperlen blitztend im Spiegel über runde Herzblätter rollen raunt traumverloren Bruchstücke eines heimwehbangen, seltsamen Liedes. Einst stand in diesem von Hügeln umsäumten Becken ein hoher, dichter Wald. Dunkel, mächtige Tannenkronen, überschatteten alles, die Tiere streiften durchs Buschwerk, und bunte Vögel erfüllten die feierliche Stille mit süssem Gesang. Ein schmaler Weg lief mitten durch, und fromme Wahlfahrer pilgerten darauf dem Mariedom von Einsiedeln zu. Ein paar Schritte abseits stand die russige Hütte eines Besenbinders, der einsam und schweigend des Gehölz durchstrich und sich das Reisigzeug für sein Handwerk einsammelte. Die Hofleute von Hütten wussten nicht, woher er kam, wich er doch immer mürrisch und absonderlich allen Fragen aus, wenn er an ihren Häusern anklopfte und seine Besen verkaufte. Nur, wenn er gebückt vor seiner Klause sass und Reisig mit zähen Weidenruten band, pfiff er dabei so hoch und künstlich, dass die Vögel über ihm in den Wipfeln verstummten und die Tiere im Gesträuch verwundert die Ohren stellten. Kamen Pilger vorbei, so sah der Besenbinder wohl auf, machte verwunderliche weite Augen und verzog die Lippen zu einem Grinsen. Doch liess er nie ein Wort laut werden; nur wenn das monotone Beten sich mehr und mehr in der Ferne verlor, schallte hinter den frommen Fahrern her ein durchdringendes Gelächter, kam als Echo vielfach zurück, so dass sie erschrocken aufmerkten. Vor der Hütte ragte ein kreisrunder, steinernder Sod vom Boden auf, daraus der Waldmannn sein Wasser mit einem Eimer emporwand. Schier unergründlich wollte ihn jedes Mal die Tiefe dünken, wenn er das Seil hinabliess und horchte, bis der Kessel sich neigte und das Wasser sich darin ergoss. Und wenn er diesen wieder heraufleierte, wollte es nicht werden, bis er sich aus dem Firnstern wieder ans Licht gefunden.
Einmal nun kam ein einzelner Pilger des Weges, einem braunen langen Gewand, mit breitrandigem, dunklem Muschelhut. Wie er den Besenbinder vor der Türe schweigsam sitzen sah, grüsste er höflich und bat um Gottes Willen um einen kühlen Trunk, da der Staub ihm brennend in der Kehle sass. Ermattet setzte er sich auf den Rand des Sods und blickte in der Abgrund. Da spottete es von der Hüttenbank her: "Suff soviel du magst, `s ist nur ein wenig tief unten! Seil und Eimer aber waren in der dunklen Küche versorgt". Der fremde Pilger lächelte den buckligen, unfreundlichen Alten lange mit seltsamen Augen an, dann griff er in seine Kutte und zog ein kleines Fläschchen daraus hervor. Wie Silber leuchtete es auf, als er das Glas langsam neigte und sich daraus ein dünner Strahl in den Brunnen hinab ergoss. „Du sollst das Wasser höher haben, damit jedermann trinken mag!“ entgegnete er fast freundlich, dann irrte sein Lächeln in die feinsten Fältchen des Antlitzes zurück und mit einem kleinen Nicken schritt er weiter auf dem Weg, bis er zwischen den Stämmen verschwunden war.
Der Besenbinder aber starrte ihm mit offenem Munde nach, dann riss er sich jäh auf und humpelte zu seinem Brunnen. Da sah er drunten im Abgrund ein weissleuchtendes Kügelchen sich rastlos drehen und von einem Rande zum anderen rollen. Wie Quecksilber war’s, das umherfuhr und stets zu wachsen schien. Dabei quoll das Wasser aus dem Grunde auf, als peitschte eine unterirdische Gewalt es empor aus seiner nachtdunklen unheimlichen Ruhe. Entsetzt blieben die Augen des Alten drunten hängen, und er neigte sich so weit über die zerfallende Brüstung, als wollte er sich hinunterstürzen. Nun war das verhexte Silberding aus dem Schlund zu hören, wie es überall anschlug, zurückfuhr, aus dem Wasser den Sod hinaufsprang und mit einem Klatschen und Aufgleissen wieder in die Tiefe fiel. Verwirrt und aschfahl taumelte er zurück zu seiner Hütte. Unter seinen Füssen begann die Erde zu erweichen, mit jedem Schritt gurgelte es an den Schuhen herauf, und es war, als sei die Erde mit einem Male unendlich satt und nass. Als er die Türe erreicht hatte, sah er, wie schon überall zwischen den Baumwurzeln Quellen aufbrachen, sich über Moos und Gesträuch ergossen und einen Weg suchten, wie sie zusammenrieselten und in Mulden zu trüben Teichen Schichten darüber, und bunte Käfer zappelten, elendiglich zitternd in seine Hütte ein und starrte durchs Fenster in den Wald hinaus. Doch auch unter dem Holzboden war es wie ein verborgenes Reich von Gängen, darin es plätscherte, strömte und überlief. Jede leiseste Erschütterung eines Trittes, ja jeder Atemzug lies Blasen und Rinnsale aufquirlen in satten schaurigen Schlapfen. Draussen eilten die Wasser schneller hin, und drinnen legte sich merkwürdiges Schlinggewächs dem Zug der Wellen nach, wedelte und neigte sich unter dem Geströme. In allen Fugen begann das morsche Balkenwerk zu krachen, und irr vor Schrecken und Schauder stürzte der Alte zur Tür. Ein Schwall ergoss sich herein, und draussen war es tiefe Nacht geworden. Durch die wachsenden Fluten kämpfte er sich dem Brunnen zu, doch Entsetzen packte ihn, als er sah, wie das Wasser dort aus der Tiefe zum Rand aufgestiegen war und sich in schäumendem Bogen ihm entgegewarf. Aufbrüllen prallte er zurück, seine Füsse verfingen sich in Wurzeln, die schon tief unter der Flut lagen. Unter der Erde rollte und krachte es. Mit einem Donnerschlag versanken Wald und Hütte, und die Wogen schlugen über der Stätte zusammen. Am nächsten Morgen lag dort, wo der Tannenwald gestanden hatte, ein dunkler, melancholischer See, reglos und von Nebel verhüllt. Aus der Mitte des Wassers ragten noch die Wipfel der höchsten Bäume. Die Pilgerstrasse lief geradewegs zum Ufer hin; man konnte ihren Verlauf im Wasser drin noch viele Meter weit erkennen. Ein kecker Bursche, der sich zum ersten mal auf einem Boot hinauswagte, erzählte den aufhorchenden Bauern von Hütten, er habe tief drunten im Grunde, an den Stamm einer Tanne gelehnt, den Besenbinder erschaut, wie er das grüne Gesicht zu ihm emporgedreht und ihm die ebenfalls grasgrünen Zähne gezeigt habe.
Ja, noch heute glauben viele, der See sei unermesslich tief. Sie zeigen am Westufer beim Schifferhäuschen den in den See einmündenden Pilgerweg. Im Sommer wollen sie auf dem Grunde noch die versunkenen Stämme, und an den aufsteigenden Blasen das gespenstige Treiben des Besenbindergeistes erkennen. Im Winter aber, wenn das Seelein sich unter dickem Eise verbirgt, zählen sie die vielen sonst verborgenen Quellen, die sich dann dunkel auf dem glatten Eise abgeben und von allen Ufern gegen die Mitte verlaufen.

letzte Nachführung: Juli 2006

Besenbinder
 

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